Augsburg auf dem Weg zur Fahrradstadt

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Augsburg träumt davon, Fahrradstadt zu sein. Wie es darum aus Sicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) steht, das erläutert Vorstand Dr. Arne Schäffler.

Herr Dr. Schäffler, würden Sie Augsburg als „fahrradfreundliche“ Stadt bezeichnen – mal abgesehen vom Kopfsteinpflaster?

Teilweise. Fahrradfreundlich ist, dass bereits einiges an Infrastruktur entstanden ist: Radwege, bessere Ausschilderung von Querungen an Kreuzungen, gerade an den problematischen Punkten. Es gibt auch mehr Parkmöglichkeiten für Zweiräder. 

Und wo muss in Augsburg noch nachgebessert werden auf dem Weg zur Fahrradstadt?

Es gibt definitiv noch zu viele Gefahrstellen in Augsburg, wo Rad- und Autoverkehr in Konflikt geraten. Hier müsste beispielsweise der Autoverkehr verlangsamt oder der Radweg verbreitert werden. Doch solche Entscheidungen werden nur sehr langsam oder gar nicht getroffen und wir bewegen uns nur im Schritttempo Richtung einer fahrradfreundlichen Stadt. 

Augsburg plant bereits seit längerem Fahrradstadt zu werden. Was bedeutet das genau?

Bis zur Fahrradstadt, sprich einer Stadt, wo der Radverkehr deutlich Vorfahrt gegenüber Automobilen hat, ist es noch ein weiter Weg. Sogar München, auch nicht gerade eine Fahrradhauptstadt, hat 84 Fahrradstraßen, wo der Fahrradverkehr Vorrang hat. Wir haben eigentlich nur eine Fahrradstraße, wo nennenswerter Verkehr ist: die Färberstraße, die Gollwitzerstraße und die Treustraße in Pfersee. Aber die übrigen Fahrradstraßen in Augsburg, wie die Konrad-Adenauer-Allee oder die Wege im Siebentischwald, da fahren Autos eher selten. Das sind eher „Lösungen fürs Auge“.

An welchen Stellen besteht in Augsburg Ihrer Meinung nach dringender Handlungsbedarf?

Die Ulmer Straße ist eine Katastrophe. Nachmittags um 16 Uhr werden Sie dort von einbiegenden, ausscherenden und parkenden Autos geradezu bedroht. Ständig wechseln hier Tempo 50 und Tempo 30: Das ist eine richtige Angststrecke für Radfahrer.

Gefährlich ist auch die Ausfallstraße Richtung Nordosten, also Grottenau, Karlstraße, Leonhardsberg und Jakoberstraße, wo viele Fahrradfahrende verunfallen. Die Straße ist 2015 und 2016 neu gemacht worden, doch das hat die Lage für Radfahrer eher verschlechtert. Es müsste hier dringend Tempo 30 eingeführt werden. Doch es steht die Befürchtung im Raum, dass die Verkehrsleistung dieses Straßenzuges sinkt, nicht mehr so viele Fahrzeuge durchkommen und Staus entstehen. Untersuchungen zeigen aber, dass der Rückgang der Leistung bei Tempo 30 sehr gering wäre, weil der Verkehr dann gleichmäßiger fließt. 

Mitte letzten Jahres hat das Bürgerbegehren „Fahrradstadt“ und der ADFC als Mitinitiator eine besondere Einigung mit der Stadt Augsburg erzielt: einen Vertrag über neue Maßnahmen für den Fahrradverkehr. Welche Maßnahmen werden dank des Begehrens konkret umgesetzt? 

Das sind 32 Einzelmaßnahmen. Zum Beispiel, dass außerhalb von Tempo-30-Zonen der Fahrradverkehr geführt wird. Entweder durch baulich getrennte Radwege oder durch Radfahrstreifen oder Schutzstreifen auf der Fahrbahn. Grundsätzlich ist Tempo 30 für Radfahrer das größte Geschenk an Sicherheit, was sie sich wünschen können. Deswegen plädieren wir dafür, dass bis auf die Hauptstraßen wie beispielsweise der B 17, im ganzen Stadtgebiet Tempo 30 gilt. 

Fahrradstadt zu werden bedeutet nicht nur eine Verbesserung für die Radfahrer. Wer profitiert noch von den kommenden Veränderungen? 

Auf jeden Fall die Anlieger, denn sie sind Feinstaubbelastungen ausgesetzt – übrigens auch durch E-Autos, weil der Feinstaub gar nichts so sehr von den Abgasen der Kraftstoffe kommt. Er entsteht vor allem durch den Abrieb der Reifen. Bei Hybrid-Fahrzeugen mit zwei oder zweieinhalb Tonnen wird der Abrieb sogar noch größer. Auch da sind bei weniger Tempo die Schadstoffemissionen wie Stickoxid und Feinstaub deutlich geringer. 

Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken, worauf können sich Radler in Augsburg freuen? 

Innerhalb von fünf Jahren müssen die Maßnahmen des Radentscheidvertrags mit der Stadt umgesetzt werden. Ich glaube die Stadt wird das schaffen, denn sie unternimmt einige Anstrengungen und es gibt neue Personalstellen in der Verkehrsplanung. Insgesamt könnten durchaus mehr Maßnahmen angegangen werden. Doch aufgrund der leeren Stadtkassen bleiben viele Projekte für Radfahrende auf der Strecke liegen. In fünf Jahren wird allein aus Klimaschutzgründen einiges passiert sein. Ob dies dann ausreicht, dass sich Augsburg mit Fug und Recht eine Fahrradstadt nennen darf, das bleibt abzuwarten.